Mittwoch

Aus gegebenem Anlass

Mein Name ist Sarah, Leni und Ann. Ich bin Mitte 20, verliebt, verlobt, verheiratet und habe im Leben nicht so viel erreicht. Dafür bin ich sehr engagiert, wenn es um das Leben geht, welches mir nicht gehört. Ich und mein Mann, Freund und Ex-Partner zeugten ein Baby. Ein Wunsch, geboren aus Liebe und Leidenschaft. Überraschung. Unfall. Unter meinem Herzen wuchs ein Etwas heran, von dem ich schnell wusste, es würde zu mir gehören. Die Liebe die ich damals schon spürte, kann niemand nachempfinden und niemand weiß, wie überfordert ich damit bin. Den Schmerz der Niederkunft ertrugen wir gemeinsam und ich verstand nie, dass ich einem eigenständigen Wesen das Leben schenkte. Das Fürsorgerecht hat entschieden, dass mein Baby für Prestige zu sorgen hat, weil ich das allein nicht kann. Ich bin ein bisschen oberflächlich. Auch ein bisschen dumm. Ich schimpfe auf Vergewaltiger und fordere die Todesstrafe. Darum habe ich Fotos von meinem Baby online gestellt. So kann jeder sehen, wie sehr ich liebe. Täte ich das nicht, wäre das nicht klar. Weder den anderen, noch mir. Vorallem nicht mir. Ich bin mir meiner Selbst nicht bewusst und bin abhängig von der Bewertung anderer, damit ich sehen kann, wer ich bin. Vergewaltiger sind keine Menschen und gehören umgebracht. Was Pedobear privat so treibt, ist mir egal. Ich muss ihm nicht dabei zusehen, wenn er sich auf das Gesicht meines Kindes einen runterholt. Weil ich noch nie ein Leben führte, Verantwortung nicht zu definieren weiß, weil ich mein Baby für schön, klug und dankbar halte - aber bezüglich der Schönheit nicht verstanden habe, dass niemand darüber richten kann, weil es moralisch verwerflich ist, Babys zu bewerten und die natürliche Schönheit eines Kindes atemberaubend ehrlich ist und jeder, der es in eine Maßeinheit presst, ein stumpfsinniger Seelenloser ist - habe ich mich dazu entschieden, es so früh wie möglich daran zu gewöhnen, worunter ich seit Jahren leide. Dabei hat es keine Wahl, denn es hat weder Ahnung von dem, was ich verbreche, noch kann es sprechen und ist darum wohl im Besitz eines kleinen Geistes, der meinem aber so weit ähnlich ist, dass ich davon ausgehe, es fände das gut, was auch ich gut finde.

Babybewertungsmaschine:



Donnerstag

Denn die Wahrheit schmerzt
Und die Lüge treibt den Wahnsinn vor sich her
Also schaffe eine Wirklichkeit
in der Vergessenheit regiert

Freitag

Blutenachtgeschichten

Der Gute-Nacht-Kuss lag noch gar nicht allzu lang zurück. Das Nachtlicht in der Steckdose mit lächerlichem Comicfigurenaufdruck, deren schwarze Umrandlinie Schatten bildet, da schlecht aufgedruckt und damit leicht versetzt, brennt. So wie jede Nacht, wenn es heißt: Schlafen gehen! Die kleinen Äuglein sind noch aufgeschlagen, lassen die beistehende Wärme vom rötlichen Licht ins Herz tröpfeln. Nicht mehr lang, nein, nur noch kurz gewartet, dann ist es geschehen. Weder Bettdecke noch Schranktür, kein leerer Raum unter dem Bett, wo längst mal wieder Staub gewischt werden könnte, ändern etwas daran. Darauf kann sich verlassen sein. Die leichtfertige Müdigkeit verschließt mit sanftem Nachdruck die Lider.

Dann öffnen sie sich. Erst eines. Rötlich leuchtet es. Dann ein zweites, auch dieses Auge von Rot erfüllt. Als sich dann weitere Paare der roten Augen öffnen, den Blick durch die eigenen Lider auf den Junge richten, ist alle Müdigkeit verflogen. Er schlägt die Augen auf, überzeugt davon, dass es sich bei seinem Eindruck, nahe dem Schlafe, um einen Alpdruck handle. Immerhin war der Moment im Wachen geprägt vom Nachtlichte. Doch nicht dieses war, was er erwartete, das Leuchten von der Steckdose, dort saßen sie wie im Schwarm, die Leuchtblicke, rötend auf ihn gerichtet. Blinzelnd, um die Erscheinung von der Phantasei zu trennen, kann er dem Starren aus der Zimmerecke nicht entkommen. Schaut er zur Decke droben, sieht er die Kiste voller Spielzeug an oder ins Dunkel unterm Bettzeug, das Rot sticht immerzu hervor aus dem wachsenden Schwarm an Augen. Augen, die viel zu nah bei'nander, unter- und durcheinander stehen, um Platz für ein Gesicht zu lassen, das sie trage. - Euch gibt es n i c h t - mehr Wehklage, denn Fakt, obwohl doch auch als Drohung ausgesprochen. Weil aber kein Platz für Münder unter all den Blicken bleibt, verharren sie in Stille. Endlich ringt sich der Kleine dazu durch, ruft nach seinen Eltern, aber leise, sie schlafen bereits. Nein, du bist allein hier, denkt er. Wünscht er. Doch bald ist keine Stelle mehr frei von ihnen, sie schauen von den vier Wänden, vom Teppich und Parkett, von der Deckenleuchte aus. Sie schauen in noch größerer Zahl als er sie kennt, denn in der Schule lernten sie letztens bis einhundert rechnen, hundert mal hundert Mal blicken sie ihn an, schließt er die Augen vor dem Grauen. So vergeht ein kriechend schleichender Moment, kaum schnell genug, um dem nächsten Platz zu verschaffen. In der Anspannung jenes abnormalen Blinzelspiels1, dessen Ausgang als Sieg ungewisser nicht sein könnte, denn nie zuvor traf er auf jemanden, der das Spiel dergleichen beherrscht, traut er sich nicht nachzulassen. Jedes Mal, beim Wechsel von geschlossenen zu offen dreinblickenden Äuglein werden sie nämlich mehr.


Nun überlappen sie sich bereits, sind so viele, dass das ganze Zimmer vom Rot erfüllt, aber noch dunkler als schwarz wird, weil sich die starren Augen zu Haufen Schichten. - Wenn ich so bleibe, ersticken sie mich - ist sein Gedanke. So kann er sich zum ersten Mal regen. Sein Ärmchen ist nicht sein, er spürt bloß krabbelnde Füßchen darauf, auch den Griff einer großen Hand. Da schreckt es ihm, bleibt lieber still liegen. Doch der Druck auf seiner Rechten wird so groß, der Arm wird taub, sodass er ihn verloren glaubt. Zum Glück bin ich Linkshänder, denkt er sich dabei. Als nun seine Bettdecke ausschließlich aus den glotzenden Eindringlingen besteht, gibt er seinen Posten auf, ergreift mit der Linken den rutschenden Hosenbund und setzt die Füßchen hinein ins rote Schattengrell. Wie ein Leuchtturm auf hoher See sticht ihm nun das Nachtlicht ins Auge, der dunkelste Fleck, weil überschattet durch die größte Ansammlung der Rotaugen. Will er darauf zu gehen, scheint die Lampe sich zu wehren, immer mehr jener stillen Beobachter um sich zu versammeln. Da glaubt der Junge zu erkennen, wenn er nur das Licht abstelle, so wäre den Augen die Kraft geraubt. Langsam, vor sich tastend mit der Linken im Rotdunkel, schreitet er darauf zu. Vor ihm bilden die Augen eine Gasse, nur um ihn daraufhin den Weg zurück abzuschneiden, bilden sie hinter ihm einen undurchschaubaren Wald. Seine ganze Furcht verachtend blickt das Nachtlicht lächelnd ohne Empathie auf ihn. Er spürt die Regung von schlechtem Gewissen, weil das Licht von seinem Papa extra dafür mitgebracht wurde, damit er nachts keine Angst zu haben brauch. Er wird morgen merken, dass sein Sohn eigenhändig daran herumspielte. Also zögert er. Aber er will eigentlich nur noch schlafen, hält nicht mehr lange durch, sein Atem ist schon zu flach, um genug Luft zwischen den Augen herausfiltern zu können. Da packt er das Nachtlicht. Es ist nicht heiß. Es ist aber auch nicht kalt, fühlt sich Körperwarm an. Es fühlt sich wie Haut an. Übelkeit kämpft sich den Rachen hoch, doch kann er es gerade noch herunter Schlucken, der Spielteppich ist ja auch erst neu. Widerwillig packt er fester zu, seine Fingernägel graben sich in die weiche Haut. Erst leicht, dann mit ganzer Kraft daran gezogen. Mit einem leidvollen Schmatzen reißt er die Lampe aus der Steckdose, mit solcher Wucht, dass Kabel daran hängen bleiben und aus der Wand gezogen werden, sodass der Strom weiterhin fließen kann. Die Augen sind so nah wie nie zuvor, beginnen sich in seinen Haaren zu verfilzen. Er reißt noch einmal. Mit dem dritten Ruck kommen die Kabel so weit hervor, dass er etwas pulsierendes sehen kann. Zum Ende hin verjüngen sich die Leitungen, verästelte Blutbahnen kommen zum Vorschein, weiterhin rotes Glühen in seiner Hand. Dann kann er die Kraft aufbringen, sein Herzschlag im gleichen Rhythmus wie die pumpenden Äderchen, er zieht und reißt hin und her, bis klatschend die Adern zerfetzen, er schleudert das Nachtlicht fort, die Adern schnellen tief in die Wand zurück. Sofort schließen sich aller Augen Lider, er ist wieder allein, es wird in der Schwärze der Nacht heller. Etwas fällt auf seinen großen Zeh. Noch einmal, er tastet danach, Tropfen warm wie Schokoladensoße. Es werden immer mehr Tropfen, bis sich eine kleine Pfütze bildet. Da fällt ihm ein, dass die Steckdose bluten muss, das ist genauso wie mit seinem Knie, das er sich beim Klettern aufschlug. Er hält die Hand davor, aber zwischen seinen Fingern quillt es dennoch hervor. Schnell, auf der Suche nach einem geeigneten Blutstopper, greift er sein Kissen und hält es vor die Steckdose. Aber der Blutstrom nimmt zu, das Kissen ist schon vollgesogen und ein Rinnsal verunreinigt letztlich den Spielteppich. Er holt die Decke, auch diese saugt sich bald voll. Da denkt er an das Pflaster auf seinem Knie, Mama klebte es darauf, damit das Bluten aufhört. Also zieht er langsam das nässende Pflaster von seiner Wunde und klebt es auf die Steckdose. Der Kleber hält nicht mehr gut, das Blut läuft darunter und löst das Pflaster ab, sogleich fließt es ungehindert weiter. Der Kleine läuft leise durch sein Zimmer, sucht nach etwas, sieht den Blumentopf und weiß, dass er damit das Blut auffangen kann. Er holt die Kakteen seiner Mama von der Fensterbank, gräbt diese aus und legt sie sachte auf seine Spielzeugkiste, weil Mama immer sagt, er muss lernen auf die Pflanzen zu achten, so lernt man Verantwortung. Erde unter den Fingernägeln, wühlt er die Wurzeln heraus, schabt am Ton, die Nadeln der Kakteen verfangen mit ihren Widerhaken unter seiner Haut. Nachdem sich der Topf schon fast gefüllt hat, will die Steckdose nicht aufhören, das warme Rot zu erbrechen. Da greift er, keine Ideen wollen ihm noch einfallen, in den letzten Topf und stopft Erde in die Wand. Und tatsächlich, wenn zunächst noch klumpiger Matsch herabfällt und er sich mit diesem besudelt, weil er stets Erde nach stopft, lässt der Strom allmählich nach, bis er schließlich aufhört.

Seine Finger sind ganz schmutzig. Sein Bettzeug ist nass, es stinkt faulig. Zum Schlafen ist er zu müde, er hockt sich vor die Tür und wartet horchend darauf, dass er seine wachenden Eltern hören kann. In der Spielecke glüht das Nachtlicht nach. 
Als die Kaffeemaschine zu röcheln beginnt, die Teller für das Frühstück klirren, geht er in die Küche. "Hast du deine Zähne geputzt?", fragt ihn Mama, den Kopf im Kühlschrank. Der Kleine stapft ins Bad, eigentlich holt er immer seinen Hocker aus dem Zimmer, damit er an den Spiegelschrank kommt, wo seine Zahnbürste ist. Er verzichtet heute auf ihn und kommt, auf Zehenspitzen und ganz ausgestreckt, mit der Hand daran. In der Küche steht alles bereit, Mama und Papa sitzen schon am Tisch. "Guten Morgen", sagt sie. Papa schaut von der Zeitung auf: "Hast du nicht geschlafen? Der Junge war schon wieder die ganze Nacht auf!" "Ja, er hat sogar ganz rote Augen!" sagt Mama, "Heute gehst Du früher ins Bett."
                                                                                    

1 Die Regeln kennt jedes Kind: Wer zuerst wegschaut, lacht oder blinzelt, hat verloren. 

Anklage #nonmention

Genderbender beugen sich
über Rücken und Ränder
um zu ändern, was sie ändern können.
Was sie ändern wollen.
Was sie wollen.
Was sie wollen ist nicht das, was sie sollen.
Sie sollen still sein und nicht eindringen
in die Borniertheiten der Lebenden, die nichts besseres zu tun haben, als sich auf dem Leben auszuruhn, in dem sie sich verhangen fühlen. Nebenbei gefangen und nicht fähig, sich herüberzubeugen in die Welten, die attraktiv duften aber unbekannt sind. Die Lebenden sind zu Klagenden geworden und merken nicht, dass ihre Hasstiraden gegen Welten, die nicht ihre sind, Herzen und Gedanken brechen, Träume zerschlagen, Wünsche verstummend machen.
 Ich wünsche mir, dass die Klagenden wüssten, dass die Begegnungen die sie machen und Beziehungen, die sie eingehen, manchmal nur aus Vorstellungen bestehen, die sie selber erfüllt sehen wollen.

"Na, so eine bist du ja wohl nicht."
- Sicher?
"Ja, sicher."

Unsicherheiten sind in ihrer Launenhaftigkeit so ein mächtiges Geschoss, deren Sprengkraft Bilder einer Welt zerreißen ließe. Öffnete es dem einen diese, verstörte es die des anderen.
Störungen sind nicht gewollt in der Konstruktion der Welt der Klagenden, sie gehören ignoriert und fortgeschrien. Dabei haben die Klagenden schon längst über ihren eigenen Unmut vergessen, dass jeder Schrei die Menschen vertreibt, die lieben wollen. Die Liebenden, die um Welten wissen, in denen Freiheiten nur in einem Schutzraum erlaubt sind, bis er die Grenzen der Klagenden berührt. Und manchmal, da klopfen die Liebenden zaghaft an die Tore der Klagenden; in der Hoffnung und im Glauben, sie würden hineingebeten, verstanden und akzeptiert. Was bleibt auch anderes übrig, als hin und wieder auszuloten, ob sich die Klagenden gebildet haben.
Die Klagenden aber, die nehmen ungezählte Räume ein. Stunde um Stunde vergeht und die Liebenden lauschen der grausamen Mär von erlittener Arbeit, untragbaren Kollegen, Papierpyramiden, obsoleten Wertvorstellungen, vermissten Leidenschaften, aberkurzen Gedankengängen und reaktionärem Geschwätz. Der Blick in leere Köpfe und Herzen war selten so unterhaltsam, allerdings auch selten so trist.

Tristesse, die erlebt ihr Klagenden, wenn ihr in euren Räumen lustwandelt, dabei alte Bilder beweint und neue nicht mehr zulasst, weil ihr Angst habt vor allem, was euch glauben lassen könnte, ihr hättet nicht die Größe und sie nie gehabt, über Mitmenschen zu urteilen, die in Welten leben, in denen so viel mehr geschieht als in eurer, in der ihr allzu sicher am eigenen Unrat erstickt.

Montag

Schlichtes Bla Bla.

Wie schwer ist es doch, überkommt einen dieses treibhafte Gefühl, von einer gewissen Kreativität herrührend, etwas zu bewerkstelligen. So sitzt man des Öfteren vor leerem Blatt oder blankem Bildschirm und weiß, daß dort etwas stehen muss, irgendetwas gehört dorthin. In der Regel führt dieses Gefühl dazu, daß sich nichts tut. Zu häufig bereits das gleiche Lied, die selbe Leier aufgeschrieben, es sollte schon Neues werden, wenn dieser Trieb sich einstellt. Dann beginnen die Gedanken sich einzuschalten, sie beherrschen schlagartig den Moment und es rückt die Kontemplation ein, leidlich mit ihrem einzigen Antrieb: Die Frage, was denn bitte schön geschrieben wird.
Und so bleibt nur, gleichwie nachts, mitten auf der Straße, von Scheinwerfern überrascht und macht- sowie willenlos weiterhin in Starre verharrend, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Wenn ich denn schreiben muss, kann es genauso gut vom Nichtschreiben sein.


Mittwoch

Schlafes Gnade

Schlaflos sein in der Nacht ist müde sein beim Wühlen im Bett und in Gedanken. Es ist das Abreagieren der nicht ausgelebten Reaktionen des Tages und der leise Dialog im Kopf, der im Mondlicht immer lauter scheint.
Schlaflos in der Nacht bist du, wenn du den Tag mit in dein Bett gelassen hast. Den Tag mit seinen verpassten Momenten, die in der Nacht alles sind. Alles, was du bereust und worauf du hoffst. Wofür du nun übst und schlaflos bist. Wofür du dich umlegst und ergehst in Gedanken, die dich fühlen lassen, du wärst vorbereitet auf die Widrigkeiten, Eventualitäten und süßen Lieben, an die du nicht so gern denkst vor dem Einschlafen weil dich der Gedanke an den Frohsinn, die Leidenschaft und unsagbare Liebe so warm und sicher fühlend macht, dass du dich am nächsten Morgen ein wenig schämst dafür, dass du nur schlafen kannst, wenn du deine Hoffnungslosigkeit mit Träumen füllst.


Schlaflos warst du, müde bist du.
Kann es sein, dass du nicht weißt, in wie vielen Betten du nachts schon Gast und Hoffnung warst?

Sonntag

"ich heiße Max"

Was ist das schon, mit den Namen?
Ein Säugling erblickt die Welt außerhalb. Man schenkt ihm einen Namen. Ein Etikett. Wann immer man den Namen ruft, steht er im Zusammenhang mit dem Neugeborenen. Nun unterscheidet er sich schlicht kaum von anderen Altersgenossen, sie wollen alle nur das Eine. Genauso gut kann ein anderer Name stehen, egal welche Interessen die Namensgeber gerade zu jenem bewegt haben mögen.
Irgendwann bildet sich so etwas, dass man Persönlichkeit nennen mag. Langsam füllt sich die bedeutungslose Prädikation mit Bedeutung: Ruft sich jetzt der Name, stehen den Empfängern eine Vielzahl an Informationen mehr zu Verfügung, als die bloße Bezeichnung eines Gegenstands, welcher mal ein Baby war. Charakterzüge, sei es gehorsam oder unzugänglich, sei es wild oder liebenswert, bilden den Namen aus. Genau dieser eine Mensch ist gemeint, natürlich im Kontext der Lebenswelt einzelner Sprecher, denn ein Mustermann ist viele. Der Name gewinnt an Gehalt.

"Wie heißt Du?"

Gib einem [Tisch] den Namen Tisch, (setze hier deiner Muttersprache gewünschtes Synonym für [Tisch]) man kann sich darüber eine Vorstellung schaffen. Gib einem Lebewesen, fähig zur Perfektibilität, einen Namen. Nach Jahren, so wird's wohl sein, ist Mustermann nicht mehr der siebenjährige, der er einst gewesen. Es reicht ein Tag, eine Minute, ein Zwinkern. Bereits hat sich Mustermann von der gewohnten Sichtweise entfernt. Die einen sagen "Sohn", lieben ihn oder nicht, die anderen sagen "Hurensohn", lieben ihn nicht oder gerade mehr als jedweder andere. 

"Ist mir egal"

Einheit zu denken mag hilfreich sein, doch Wahrheit gibt sie mitnichten. Wer Mustermann sagt und es so auch meint, denkt von ihm anders, als jene, die Mustermann hören. Mustermann selber aber, der weiß nur soviel: "Ich heiße Max"


Ein Bad, mit dem Dobermann

Als sich nach Feierabend ein Genosse und der Weihnachtsmann trafen, planten sie einen gemütlichen Spaziergang. Es war für die Verhältnisse im Nordosten doch recht sommerlich, man konnte nach Sonnenuntergang nur mit einer warmen Mütze bekleidet die angenehme Brise genießen. Aus seinem Sack zauberte der Weihnachtsmann einen Flachmann, nur für den Schluck zwischendurch. Und den teilten sich beide, bis die Weihnachtsstern rot leuchtend aufging.
Blaues Licht riss die beiden Herren aus ihrem wohlverdienten Umtrunk, umstellt von der Polizei! Wer man denn sei, was man hier so mache; all dies waren Fragen der Polizisten. Ihre Aufmerksamkeit galt allein den Herren, sodass eine randalierende Truppe Betrunkener den Streifenwagen anzünden konnte. Doch die Polizisten stierten weiter ungläubig und voller Wut auf den Genossen und den Weihnachtsmann. Dabei störten sie sich nicht an der nackten Haut, dies war immerhin Effkakaland. Aber die Mützen durften nicht sein. Sie erschossen den Weihnachtsmann und verbrannten den Genossen lebendig. 
Darum gibt es keine Geschenke mehr, aber man feiert so viel gleicher unter Gleichen.

Mittwoch

Auch wenn es still ist in Deinem Haus
Und in Deinem Garten Steine wachsen
Deine Worte klingen ewig
Deine Taten handeln noch

Freitag

Wut fühlt sich an wie ein Knäuel grauer Wolle, das in der Solarplexusgegend kreist. Es flirrt, während es sich behende dreht. Manchmal zieht es sich zusammen, um sich anschließend auszudehnen. Es  macht Platz für weitere Fäden, die gespickt sind mit Zähnen und Dornen aus schwarzem Gift. Diese wiederum setzen sich fest an den Innenseiten deiner bebenden Wangen und treiben dir Tränen hinter die Augen. Vibrierende Glut wärmt die Finger und macht sie zittern. Schlagen willst du dich, selbst und andere. Wenn du platzt, zerstörst du dich und dein Inneres hat sich dreckig auf die Welt entladen. Das ist es wert, Wut kennt kein Vergnügen.