Freitag

Blutenachtgeschichten

Der Gute-Nacht-Kuss lag noch gar nicht allzu lang zurück. Das Nachtlicht in der Steckdose mit lächerlichem Comicfigurenaufdruck, deren schwarze Umrandlinie Schatten bildet, da schlecht aufgedruckt und damit leicht versetzt, brennt. So wie jede Nacht, wenn es heißt: Schlafen gehen! Die kleinen Äuglein sind noch aufgeschlagen, lassen die beistehende Wärme vom rötlichen Licht ins Herz tröpfeln. Nicht mehr lang, nein, nur noch kurz gewartet, dann ist es geschehen. Weder Bettdecke noch Schranktür, kein leerer Raum unter dem Bett, wo längst mal wieder Staub gewischt werden könnte, ändern etwas daran. Darauf kann sich verlassen sein. Die leichtfertige Müdigkeit verschließt mit sanftem Nachdruck die Lider.

Dann öffnen sie sich. Erst eines. Rötlich leuchtet es. Dann ein zweites, auch dieses Auge von Rot erfüllt. Als sich dann weitere Paare der roten Augen öffnen, den Blick durch die eigenen Lider auf den Junge richten, ist alle Müdigkeit verflogen. Er schlägt die Augen auf, überzeugt davon, dass es sich bei seinem Eindruck, nahe dem Schlafe, um einen Alpdruck handle. Immerhin war der Moment im Wachen geprägt vom Nachtlichte. Doch nicht dieses war, was er erwartete, das Leuchten von der Steckdose, dort saßen sie wie im Schwarm, die Leuchtblicke, rötend auf ihn gerichtet. Blinzelnd, um die Erscheinung von der Phantasei zu trennen, kann er dem Starren aus der Zimmerecke nicht entkommen. Schaut er zur Decke droben, sieht er die Kiste voller Spielzeug an oder ins Dunkel unterm Bettzeug, das Rot sticht immerzu hervor aus dem wachsenden Schwarm an Augen. Augen, die viel zu nah bei'nander, unter- und durcheinander stehen, um Platz für ein Gesicht zu lassen, das sie trage. - Euch gibt es n i c h t - mehr Wehklage, denn Fakt, obwohl doch auch als Drohung ausgesprochen. Weil aber kein Platz für Münder unter all den Blicken bleibt, verharren sie in Stille. Endlich ringt sich der Kleine dazu durch, ruft nach seinen Eltern, aber leise, sie schlafen bereits. Nein, du bist allein hier, denkt er. Wünscht er. Doch bald ist keine Stelle mehr frei von ihnen, sie schauen von den vier Wänden, vom Teppich und Parkett, von der Deckenleuchte aus. Sie schauen in noch größerer Zahl als er sie kennt, denn in der Schule lernten sie letztens bis einhundert rechnen, hundert mal hundert Mal blicken sie ihn an, schließt er die Augen vor dem Grauen. So vergeht ein kriechend schleichender Moment, kaum schnell genug, um dem nächsten Platz zu verschaffen. In der Anspannung jenes abnormalen Blinzelspiels1, dessen Ausgang als Sieg ungewisser nicht sein könnte, denn nie zuvor traf er auf jemanden, der das Spiel dergleichen beherrscht, traut er sich nicht nachzulassen. Jedes Mal, beim Wechsel von geschlossenen zu offen dreinblickenden Äuglein werden sie nämlich mehr.


Nun überlappen sie sich bereits, sind so viele, dass das ganze Zimmer vom Rot erfüllt, aber noch dunkler als schwarz wird, weil sich die starren Augen zu Haufen Schichten. - Wenn ich so bleibe, ersticken sie mich - ist sein Gedanke. So kann er sich zum ersten Mal regen. Sein Ärmchen ist nicht sein, er spürt bloß krabbelnde Füßchen darauf, auch den Griff einer großen Hand. Da schreckt es ihm, bleibt lieber still liegen. Doch der Druck auf seiner Rechten wird so groß, der Arm wird taub, sodass er ihn verloren glaubt. Zum Glück bin ich Linkshänder, denkt er sich dabei. Als nun seine Bettdecke ausschließlich aus den glotzenden Eindringlingen besteht, gibt er seinen Posten auf, ergreift mit der Linken den rutschenden Hosenbund und setzt die Füßchen hinein ins rote Schattengrell. Wie ein Leuchtturm auf hoher See sticht ihm nun das Nachtlicht ins Auge, der dunkelste Fleck, weil überschattet durch die größte Ansammlung der Rotaugen. Will er darauf zu gehen, scheint die Lampe sich zu wehren, immer mehr jener stillen Beobachter um sich zu versammeln. Da glaubt der Junge zu erkennen, wenn er nur das Licht abstelle, so wäre den Augen die Kraft geraubt. Langsam, vor sich tastend mit der Linken im Rotdunkel, schreitet er darauf zu. Vor ihm bilden die Augen eine Gasse, nur um ihn daraufhin den Weg zurück abzuschneiden, bilden sie hinter ihm einen undurchschaubaren Wald. Seine ganze Furcht verachtend blickt das Nachtlicht lächelnd ohne Empathie auf ihn. Er spürt die Regung von schlechtem Gewissen, weil das Licht von seinem Papa extra dafür mitgebracht wurde, damit er nachts keine Angst zu haben brauch. Er wird morgen merken, dass sein Sohn eigenhändig daran herumspielte. Also zögert er. Aber er will eigentlich nur noch schlafen, hält nicht mehr lange durch, sein Atem ist schon zu flach, um genug Luft zwischen den Augen herausfiltern zu können. Da packt er das Nachtlicht. Es ist nicht heiß. Es ist aber auch nicht kalt, fühlt sich Körperwarm an. Es fühlt sich wie Haut an. Übelkeit kämpft sich den Rachen hoch, doch kann er es gerade noch herunter Schlucken, der Spielteppich ist ja auch erst neu. Widerwillig packt er fester zu, seine Fingernägel graben sich in die weiche Haut. Erst leicht, dann mit ganzer Kraft daran gezogen. Mit einem leidvollen Schmatzen reißt er die Lampe aus der Steckdose, mit solcher Wucht, dass Kabel daran hängen bleiben und aus der Wand gezogen werden, sodass der Strom weiterhin fließen kann. Die Augen sind so nah wie nie zuvor, beginnen sich in seinen Haaren zu verfilzen. Er reißt noch einmal. Mit dem dritten Ruck kommen die Kabel so weit hervor, dass er etwas pulsierendes sehen kann. Zum Ende hin verjüngen sich die Leitungen, verästelte Blutbahnen kommen zum Vorschein, weiterhin rotes Glühen in seiner Hand. Dann kann er die Kraft aufbringen, sein Herzschlag im gleichen Rhythmus wie die pumpenden Äderchen, er zieht und reißt hin und her, bis klatschend die Adern zerfetzen, er schleudert das Nachtlicht fort, die Adern schnellen tief in die Wand zurück. Sofort schließen sich aller Augen Lider, er ist wieder allein, es wird in der Schwärze der Nacht heller. Etwas fällt auf seinen großen Zeh. Noch einmal, er tastet danach, Tropfen warm wie Schokoladensoße. Es werden immer mehr Tropfen, bis sich eine kleine Pfütze bildet. Da fällt ihm ein, dass die Steckdose bluten muss, das ist genauso wie mit seinem Knie, das er sich beim Klettern aufschlug. Er hält die Hand davor, aber zwischen seinen Fingern quillt es dennoch hervor. Schnell, auf der Suche nach einem geeigneten Blutstopper, greift er sein Kissen und hält es vor die Steckdose. Aber der Blutstrom nimmt zu, das Kissen ist schon vollgesogen und ein Rinnsal verunreinigt letztlich den Spielteppich. Er holt die Decke, auch diese saugt sich bald voll. Da denkt er an das Pflaster auf seinem Knie, Mama klebte es darauf, damit das Bluten aufhört. Also zieht er langsam das nässende Pflaster von seiner Wunde und klebt es auf die Steckdose. Der Kleber hält nicht mehr gut, das Blut läuft darunter und löst das Pflaster ab, sogleich fließt es ungehindert weiter. Der Kleine läuft leise durch sein Zimmer, sucht nach etwas, sieht den Blumentopf und weiß, dass er damit das Blut auffangen kann. Er holt die Kakteen seiner Mama von der Fensterbank, gräbt diese aus und legt sie sachte auf seine Spielzeugkiste, weil Mama immer sagt, er muss lernen auf die Pflanzen zu achten, so lernt man Verantwortung. Erde unter den Fingernägeln, wühlt er die Wurzeln heraus, schabt am Ton, die Nadeln der Kakteen verfangen mit ihren Widerhaken unter seiner Haut. Nachdem sich der Topf schon fast gefüllt hat, will die Steckdose nicht aufhören, das warme Rot zu erbrechen. Da greift er, keine Ideen wollen ihm noch einfallen, in den letzten Topf und stopft Erde in die Wand. Und tatsächlich, wenn zunächst noch klumpiger Matsch herabfällt und er sich mit diesem besudelt, weil er stets Erde nach stopft, lässt der Strom allmählich nach, bis er schließlich aufhört.

Seine Finger sind ganz schmutzig. Sein Bettzeug ist nass, es stinkt faulig. Zum Schlafen ist er zu müde, er hockt sich vor die Tür und wartet horchend darauf, dass er seine wachenden Eltern hören kann. In der Spielecke glüht das Nachtlicht nach. 
Als die Kaffeemaschine zu röcheln beginnt, die Teller für das Frühstück klirren, geht er in die Küche. "Hast du deine Zähne geputzt?", fragt ihn Mama, den Kopf im Kühlschrank. Der Kleine stapft ins Bad, eigentlich holt er immer seinen Hocker aus dem Zimmer, damit er an den Spiegelschrank kommt, wo seine Zahnbürste ist. Er verzichtet heute auf ihn und kommt, auf Zehenspitzen und ganz ausgestreckt, mit der Hand daran. In der Küche steht alles bereit, Mama und Papa sitzen schon am Tisch. "Guten Morgen", sagt sie. Papa schaut von der Zeitung auf: "Hast du nicht geschlafen? Der Junge war schon wieder die ganze Nacht auf!" "Ja, er hat sogar ganz rote Augen!" sagt Mama, "Heute gehst Du früher ins Bett."
                                                                                    

1 Die Regeln kennt jedes Kind: Wer zuerst wegschaut, lacht oder blinzelt, hat verloren. 

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